Selbstorganisierte Teams: was wir von Kammermusikern lernen können

Was sind selbstorganisierte Teams? Was macht sie aus?

Als ein selbstorganisiertes Team bezeichnen wir eine Gruppe von drei bis neun Menschen, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiten und gemeinsam Verantwortung für das Gestalten und Steuern des Leistungsprozesses und seiner Ergebnisse in einem klar gesteckten Verantwortungsrahmen übernehmen. Selbstorganisiertes Team bedeutet, es gibt keine traditionelle Führungskraft, die über Aufgaben, Prioritäten oder Qualitätskriterien entscheidet. Die Teammitglieder koordinieren eigenständig Aufgaben- und Rollenverteilung. Sie kommunizieren und koordinieren sich selbstständig mit dem Umfeld. Selbstorganisation bedeutet aber nicht die komplette Abwesenheit von jeglicher Struktur. Je nachdem, was die Teammitglieder an Erfahrungen und Expertenwissen mitbringen, ergeben sich natürliche und fließende Hierarchien und Informationsströme. Oft wird dabei ein „Servant Leadership“ Ansatz verfolgt.

Diese Art zu denken und zu handeln lag mir schon immer besonders gut während meiner Karriere in der Wirtschaft. Ein hohes Maß an Selbstbeobachtung, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Beharrlichkeit gepaart mit Berücksichtigung der Team-inneren und -äußeren Aspekten sowie Schnittstellen. Nachdem ich mich mit dem Thema „selbstorganisierte Teams“ auseinandergesetzt habe wurde mir schnell klar, wo der Ursprung meiner Prägung liegt.

 

Die Kammermusik

Als Musikerin bin ich (unwissentlich) häufig ein Teil eines selbstorganisierten Teams gewesen. Damit bin ich aufgewachsen. Ich spreche hier von Kammermusik. „Mit Kammermusik wird in der Regel eine Besetzung von zwei bis neun Spielern bezeichnet – also Ensembles vom Duo bis zum Nonett. Für Kammermusik im engeren Sinne ist wesentlich, dass sie erstens von jeweils alleinverantwortlichen Instrumentalisten gespielt wird (Stimmen sind nie doppelt besetzt) und zweitens nicht dirigiert wird, dass die Spieler also eigenverantwortlich zusammenfinden.“ [Wikipedia]

 

So ein Ensemble ist für mich eine der reinsten Formen eines selbstorganisierten Teams.
Jedes Mitglied für sich bringt eine hohe Fachkompetenz, Professionalität und Eigenverantwortung mit und ist in der Lage die gesamte Komplexität der eigenen Handlung zu bewältigen: 

- Noten lesen und merken
- die Noten auf dem jeweiligen Instrument sauber intonieren
- die eigenen Töne wahrnehmen und die Tonlage ggf. korrigieren
- auf den Atem achten
- Tempo festlegen und halten, bei Bedarf ändern oder anpassen
- den Klang (Farbe) kontrollieren
- notwendige Bewegungen koordinieren (Hände, Finger, Beine, Lippen, Zunge)
- Dynamik kontrollieren (leise / laut)
- ggf. Text lesen und wiedergeben (Sänger)
- der Anhäufung von einzelnen Tönen Emotionen und Ausdruck verleihen…

Der präfrontale Cortex koordiniert dabei die ganze Arbeit dann zu einer künstlerischen Darbietung.

 

Alleine durch das Lesen der Noten und Symbole entsteht bei einem geübten Musiker eine genaue mentale Vorstellung, wie das Ergebnis klingen soll. Eine ganz spezielle, sehr reflektierte und zielgerichtete Art zu üben macht dann seine Arbeit besonders effizient. Dabei wird ein Werk nicht von der ersten bis zur letzten Note immer wieder gespielt, sondern möglichst kurze, schwierige Sequenzen (meistens die Fehlerquellen) werden einzeln sehr konzentriert geübt. Diese Stellen sind natürlich zuerst auszumachen und präzise zu analysieren: Wo genau liegt die Schwierigkeit? Worin besteht diese? Was ist die beste Art diese Stelle zu üben? Das reflektierte und zielgerichtete Üben setzt eine genaue mentale Vorstellung voraus, wie das Werk oder die besonders schwierige Stelle zu klingen hat (Tonlage, Tempo, Ausdruck, Lautstärke etc.). Beim Üben wird die eigene Komfortzone regelmäßig verlassen, um so die zum Beginn des Übens schwierige Stelle in „die Wohlfühlzone“ zu verlagern. Ist zum Beispiel ein Musiker nicht in der Lage, eine Stelle schnell genug zu spielen, wird er sie üben, bis er sie etwas schneller als notwendig spielen kann. Macht ihm ein hoher Ton ein Problem, wird er solange üben, bis ihm ein noch höherer Ton gelingt. Das garantiert am Ende, dass sich das gewünschte Tempo oder die geforderte Tonlage innerhalb der Komfortzone befindet und nicht knapp an der Grenze des Möglichen liegt und somit Risiken birgt.

Bringt man ausgebildete Musiker in einem Ensemble zusammen, achten sie sowohl auf die eigenen Ergebnisse in allen oben aufgelisteten Facetten, als auch auf die der Team-Mitglieder und sind dabei in der Lage ihre eigenen Aktivitäten sofort zu korrigieren oder anzupassen, bzw. ein Feedback zu geben, um das Teamergebnis zu optimieren.

Dabei ist es nebensächlich, wie gut sich die Mitglieder eines Ensembles kennen und wie lange sie schon zusammenarbeiten. Es gehört zur Professionalität eines Musikers dazu, in wechselnden Teams spielen zu können.

Was ein gutes Ensemble ausmacht:

- gemeinsame mentale Vorstellung des Ergebnisses
- gemeinsame Qualitätskriterien (wann sind wir fertig für die Bühne?)
- Abstimmung (Ton, Tempo, Lautstärke, Klang)
- klare Rollen (wer spielt welches Instrument / welchen Part / welches Teil des Werkes?)
- Verantwortung für die eigene Leistung und hohe Eigenmotivation
- das praktische Können jedes Einzelnen
- gleichzeitige Wahrnehmung der eigenen und der Teamleistung sowie die Fähigkeit Ursachen von Problemen schnell zu identifizieren und zu korrigieren

 

Welche Herausforderungen bringt der Einsatz von selbstorganisierten Teams in Unternehmen mit sich?

Die Idee, selbstorganisierte Teams, wie die oben beschriebenen Kammermusik-Ensembles, im unternehmerischen Kontext einzusetzen, klingt erst mal sehr verlockend: Alle denken mit, jeder ist hochgradig professionell, verantwortungsbewusst, kreativ und flexibel. Die Mitarbeiter reflektieren selbstständig, entwickeln sich weiter und kooperieren. 

Es gibt jedoch einige Unterschiede zwischen der Kammermusik und der Wirtschaft.

Ein Ensemble agiert relativ unabhängig. Ein Ensemble hat in der Regel die Aufgabe ein bestimmtes Werk auf der Bühne oder im Studio zu einem bestimmten Termin zu präsentieren. Die Vorbereitung geschieht autonom und bietet große Freiheit, was die Ausführung angeht. Es gibt einige Standards, die zu beachten sind, es kann aber auch ein Ausdruck der künstlerischen Freiheit sein, eben von dem Standard abzuweichen. Je nach Auftragslage, kann das Ensemble eine entsprechende mentale Vorstellung des Ergebnisses erarbeiten.   

Ein selbstorganisiertes Team in einer sonst hierarchisch aufgebauten Organisation hat ganz andere Bedingungen. Es gibt meistens Schnittstellen zu anderen (nicht selbstorganisierten) Bereichen, es gibt Vorgesetzte, Entscheidungsgremien und Prozesse, die zwingend eingehalten werden müssen.  Welche Rahmenbedingungen sind für den Einsatz von selbstorganisierten Teams im Unternehmen notwendig? Wie müssen sich Organisationen und die Unternehmenskultur verändern, um eine solche Arbeitsweise zu ermöglichen? In welchem Maß wäre das Management einverstanden, die „Macht“ an die Mitarbeiter abzugeben? Wie viel Vertrauen des Managements in die eigenen Mitarbeiter setzt ein solches Modell voraus? Wie muss sich die Führung verändern, wenn Mitarbeiter nicht mehr in festen Abteilungen, sondern in wechselnden selbstorganisierten Teams arbeiten und eigene Entscheidungen im Sinne des Unternehmens treffen? Für welche Art von Aufgaben sind selbstorganisierte Teams wirklich geeignet?

Diese Themen werden in den jeweiligen Organisationen erarbeitet.

Sollten dann die Bedingungen geschaffen und selbstorganisierte Teams für bestimmte Aufgabenbereiche ins Leben gerufen werden, ist es wichtig, sich die folgenden Fragen zu stellen:

- In wie weit sind die Mitarbeiter bereit, solche Rollen samt der Verantwortung zu übernehmen?

- Was benötigen die Mitarbeiter, um selbstständig und selbstverantwortlich arbeiten zu können?

- Wie können die Mitarbeiter das benötigte Wissen und Können erlangen?

Erfahrungsgemäß fällt es Mitarbeitern, die normalerweise geführt werden, anfänglich nicht ganz leicht, den Maß an Selbstbeobachtung, Wahrnehmung, Analysefähigkeit oder Entscheidungsfähigkeit/-bereitschaft aufzubringen, der für die Arbeit in selbstorganisierten Teams notwendig ist. Eine professionelle Begleitung durch einen Coach kann den Übergang erleichtern und dem Team helfen, zu den Denk- und Handlungsweisen zu gelangen, die erforderlich sind und für die Teammitglieder passen. 

 

Wie setze ich meine Erfahrung als Musikerin im Teamcoaching für selbstorganisierte Teams ein?

Am Ende zählt, was man praktisch kann und nicht so sehr was man theoretisch weiß. Aus diesem Grund sind meine Teamcoachings sehr Praxis-orientiert. Es geht darum, zu erleben und auszuprobieren, zuzuhören, wirken zu lassen und wahrzunehmen, die eigenen Grenzen und die Grenzen des Teams zu erkennen, sich auf sich und andere gleichzeitig zu fokussieren, eigene Aufmerksamkeit zu lenken, sich über das Ziel und den Weg zu einigen. Während des Coachings bearbeitet das Team die Themen und Aspekte der Selbstorganisation, die für dieses konkrete Team relevant und wichtig sind.

Ziel ist die Selbstregulation. Das Team soll nicht darauf angewiesen sein, dass ihm von außen vorgegeben wird, was sie wie tun müssen um ihr Ziel zu erreichen.

Das Teamcoaching besteht aus kurzen Arbeitssequenzen, in denen sich das Team mit einer Aufgabe in eigener Regie beschäftigt, und aus regelmäßigen Reflexionsrunden mit Coachinganteilen, um das gemeinsame Treiben zu hinterfragen, die Ressourcen und Blockaden zu identifizieren, um für die Schwierigkeiten passende Lösungen zu finden. 

Die folgenden Arbeitsschwerpunkte spielen in meinem Teamcoaching eine wichtige Rolle:

- Team[selbst]Organisation

- Aspekte des zielgerichteten Übens

- Mentale Vorstellung des gemeinsamen Ziels

- Ressourcenaktivierung

- Das Zusammenspiel von Persönlichkeiten

- Teamwechsel-Experiment

Im Berufsleben begegnen Sie selten geborenen Kammermusikern. Einige Kollegen sind vielleicht virtuose Solisten, viele sind begabte Orchestermusiker, die gerne von einem guten Dirigenten geführt werden. Auch sie können sich durchaus mit den Aspekten der selbstorganisierten Teams auseinandersetzen und Ihren Teams mehr Vielfalt verleihen.
 

Sind Sie neugierig geworden? Sprechen Sie mich an!

 

Ihre Magdalena Enger